Siegerprojekt zeigt, wie qualitätsvolle Nachverdichtung gelingen kann
Im Bregenzer Rathaus wurde heute (Freitag 6.3.2026) von Bürgermeister Michael Ritsch und VOGEWOSI Geschäftsführer Hans-Peter Lorenz ein Meilenstein für die Weiterentwicklung der Südtirolersiedlung Rheinstraße präsentiert. Das Siegerprojekt des städtebaulichen Ideenwettbewerbs überzeugte die Jury, weil es die geforderte Nachverdichtung mit einer räumlichen Verbesserung verbindet – mit einer klaren Struktur und einem kreativen Freiraumkonzept mit vielen Grünflächen, betont Jury-Vorsitzender Univ.-Prof. Architekt Hans Gangoly. Bei Vorarlbergs größtem gemeinnützigen Wohnbauprojekt sollen in den nächsten zehn Jahren rund 200 Altbestand-Wohnungen durch rund 320 moderne und leistbare Wohnungen ersetzt werden.
Vor drei Jahren hat die Landeshauptstadt Bregenz eine weitreichende Entscheidung getroffen. Gemeinsam mit der VOGEWOSI als Eigentümer wurden die Voraussetzungen geschaffen, die Südtirolersiedlung Rheinstraße durch Nachverdichtung zu erweitern. Es wurde einstimmig beschlossen, einen Teil der Wohngebäude aus den 40er Jahren abzureißen und durch neue Wohnungen zu ersetzen, erklärt Bürgermeister Michael Ritsch: „Es ist uns ein besonderes Anliegen, den Bürger:innen dringend benötigten leistbaren Wohnraum zu bieten – Wohnungen, die den heutigen Wohnstandards entsprechen und über moderne Heizsysteme sowie Balkone verfügen. Mit dem Projekt Südtirolersiedlung Rheinstraße wird dieses Ziel durch eine qualitätsvolle Nachverdichtung umgesetzt, die zusätzlichen Wohnraum schafft und gleichzeitig die vorhandenen Grünflächen bewahrt.“
Umfassender Entwicklungsprozess
Für die VOGEWOSI bedeutet die Zukunft der Südtirolersiedlung Rheinstraße eine wichtige Weichenstellung für den künftigen Umgang mit Altbestand, betont Geschäftsführer Hans-Peter Lorenz. Im Vorfeld wurde intensiv geprüft, ob eine Sanierung der über 80 Jahre alten Gebäude sinnvoll ist. Das Ergebnis war eindeutig: Die Gebäude weisen große Nachteile auf – geringe Geschosshöhen, fehlende private Freiräume wie Terrassen oder Balkone, weder Heizung noch barrierefreie Erschließung. Eine Anhebung auf heutige Standards im gemeinnützigen Wohnbau wäre technisch und wirtschaftlich nicht möglich. Hans-Peter Lorenz: „Wir haben uns für einen umfassenden Entwicklungsprozess entschieden, der eine hohe Qualität im Städtebau, in der Architektur und in der Wohnqualität der gesamten neuen Anlage sichern soll. Deshalb haben wir vor dem Architekturwettbewerb zuerst einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben, der dann die Grundlage für die weitere Umsetzung bilden wird.“
Besondere Anforderungen des Wettbewerbs
Der Grazer Architekt und Universitätsprofessor Hans Gangoly beschreibt die Rahmenbedingungen für diesen Wettbewerb als herausfordernd. Rund zwei Drittel der bestehenden Gebäude sollen abgerissen und neu entwickelt werden, die Gebäude um den Südtirolerplatz bleiben erhalten. Gleichzeitig sind etwa 12.000 Quadratmeter zusätzliche Bruttogeschossfläche vorgesehen – das bedeutet rund 110 Wohnungen mehr als im Altbestand. Für den Juryvorsitzenden lautet die zentrale Frage: „Wie kann diese Nachverdichtung bewältigt werden, ohne die räumlich erkennbaren Qualitäten der bestehenden Siedlung zu verlieren?“
Erkenntnis des Wettbewerbs: Nachverdichtung braucht eine Gesamtkonzeption
Insgesamt wurden 10 Projekte eingereicht von Architekturbüros aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Drei der eingereichten Projekte versuchten, den Bestand weitgehend zu erhalten und daneben durch Neubauten zu verdichten. Ein Vorhaben, das städtebaulich keine Verbesserung bringt, im Gegenteil, so Prof. Gangoly: „Die Jury musste feststellen: Die Strategie der Bestanderhaltung fördert keine Qualitäten. Wird der Altbestand isoliert stehen gelassen und mit neuen, zwangsläufig höheren Baukörpern ergänzt, gehen Durchlässigkeit, räumliche Offenheit und Maßstäblichkeit verloren. Ebenso wenig überzeugten rein formale Annäherungen, die historische Strukturen lediglich nachbilden.“
Die Erkenntnis der Jury: Nachverdichtung ist nur dann städtebaulich sinnvoll, wenn sie als neue Gesamtstruktur gedacht wird. Eine bloße punktuelle Nachverdichtung mit höheren Gebäuden neben dem Altbestand bringt keine städtebauliche Verbesserung.
Warum das Siegerprojekt überzeugt
Das Siegerprojekt stammt von 03 Arch. München und überzeugte die Jury neben der standortspezifischen Lösung auch mit der grundsätzlichen Haltung im Umgang mit Nachverdichtung. Prof. Gangoly: „Das Siegerprojekt übernimmt nicht die äußere Form des Bestands, sondern dessen räumliche Prinzipien - keine starre Geometrie, sondern ein fein abgestimmtes Gefüge mit eigenständigen Situationen und Blickbeziehungen. Es arbeitet mit differenzierten Höhen – drei bis maximal fünf beziehungsweise sechs Geschossen – und entwickelt eine klare Raumbildung durch Ecklösungen, Plätze, Vor- und Rücksprünge, es gibt gezielte Öffnungen und spezielle Elemente, immer mit leichten Abänderungen.“ Im Schwarzplan wird diese Qualität besonders deutlich: Der stadträumliche Maßstab der Südtirolersiedlung wird akzentuiert weiterentwickelt.
Drei Höfe als Herz der neuen Wohnanlage
Ein besonders schönes Thema sind für Professor Gangoly die drei Höfe und ihre stimmigen Namen. Der „Südtiroler Hof“, der „Südtiroler Garten“ und auch der weiterhin bestehende „Südtiroler Platz“ geben dem Projekt mehr als nur eine klare Struktur. „Die drei Höfe mit ihren identitätsstiftenden Namen passen gut zu dieser Art von Wohnen – weder ländlich noch städtisch. Die besondere Atmosphäre wurde sensibel aufgenommen und in ein eigenständiges Konzept übersetzt.“
Die Achgasse bleibt als zentrales Rückgrat erhalten. Entlang dieser Achse werden gemeinschaftliche Nutzungen gebündelt. Ein historischer Gebäudeteil mit Torbogen wird bewusst integriert und stärkt die Identität des Quartiers, ohne den Neubeginn zu behindern. Von Platz, Hof und Garten aus werden die Gebäude erschlossen – die Adressbildung ist klar und nachvollziehbar.
Ein programmatischer Beitrag zur Nutzung von Altbestand
„Wir müssen mit unseren Flächenressourcen sorgfältig umgehen. Nachverdichtung und Bestandserhaltung müssen abgewogen und verhandelt werden“, erklärt der Juryvorsitzende. Es ist ein wichtiges Ergebnis des Wettbewerbs, dass in diesem Fall Projekte, welche auf eine deutliche Bestandserhaltung abzielen, die nachweislichen Mängel des Bestandes nicht beheben konnten. Entscheidend sei, die strukturellen, stadträumlichen Qualitäten und sozialen Potenziale eines Ortes zu erkennen und weiterzuentwickeln – nicht sie schematisch nachzubauen oder historisierend zu überhöhen. Prof. Gangoly: „Gerade Siedlungen dieser Art, und das beweist das Wettbewerbsergebnis, bieten unter Erhaltung der zentralen stadträumlichen Elemente die Möglichkeit, zukunftsfähige städtebauliche Ansätze für den Wohnbau zu entwickeln. Ein verklärender Blick auf ein stark durch nationales Gedankengut geprägtes Siedlungskonzept ist aus Sicht der Jury nicht angebracht.“
Für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das: zeitgemäße, nutzbare Wohnungen, gut proportionierte Freiräume und ein Quartier mit klarer Orientierung und lebendiger Mitte.
Architekturwettbewerb wird im Sommer ausgeschrieben
VOGEWOSI Geschäftsführer Hans-Peter Lorenz zeigt sich sehr zufrieden mit diesem Ergebnis: „Für die Zukunft des gemeinnützigen Wohnens ist dies ein entscheidender Schritt. Nachverdichtung heißt nicht Zubetonieren – im Gegenteil. Dieser Wettbewerb hat uns gezeigt, dass gerade in der Erneuerung große Chancen und neue Qualitäten liegen. Denn die Zukunft des zeitgemäßen Wohnbaus muss wirtschaftlich sein, damit das Wohnen für unsere Mieter:innen leistbar bleibt.“
Mit dem Ende des städtebaulichen Ideenwettbewerbs sind die wesentlichen Leitplanken für den anschließenden Realisierungswettbewerb nun gesetzt. Auf dieser Grundlage wird die VOGEWOSI den zweiten Wettbewerb für die architektonische Umsetzung durchführen. Die Ausschreibung für das offene Bewerbungsverfahren startet noch vor dem Sommer.
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